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Galerie: 7. Eintrag, 24.08.09
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Lake Superior und kein Ende
Drei Tage liege ich hustend, niesend und mit dickem Kopf in einem Motel im „Nirgendwo“ bei Nipigon, einem kleinen Städtchen am Lake Superior. Da es draußen die meiste Zeit regnet und stürmt, muss ich mich wenigstens nicht zu sehr darüber ärgern, dass ich festhänge... Am dritten Tag will ich eigentlich losfahren und radle nur ein paar Kilometer, um Verpflegung im Ort einzukaufen: Doch ich habe immer noch „Pudding in den Beinen“ und das Gefühl kaum den Berg hochzukommen. Ich verlängere noch mal eine Nacht! Die folgenden Etappen sind langsam und grade mal 50 oder 60 km lang, da ich nur langsam wieder fit werde. Ich hatte mir wohl eine richtige Grippe eingefangen. Irgendwann am See überspringe ich im Dauerregen die 4.000-Kilometer-Marke.

Dimensionen der Superlative
Der Lake Superior sprengt so ziemlich alle Dimensionen, die ich aus dem guten alten Europa kenne: Der See ist ca. 80.000 Quadratkilometer groß. Das entspricht ungefähr der gut 150-fachen Größe des Bodensees oder der gesamten Größe Österreichs. Während an seinem südlichen Ufer in den USA große Städte mit recht viel Industrie vorhanden sind, leben auf der kanadischen Seite nur sehr wenige Menschen. Die Distanzen zwischen den zumeist nur kleinen Orten sind riesig. 80 oder 100 km ohne Ort, Laden und Haus sind durchaus normal...! Der Verkehr hat nach der Gabelung der beiden Highways 11 und 17 stark nachgelassen, die meisten Lkw sind auf den flacheren und langweiligeren Highway nach Norden abgebogen!
Der Highway 17 ist alles andere als flach: Steile Auffahrten werden mit wunderbaren Fernblicken über den riesigen See belohnt, der eher wie ein Meer anmutet. Das andere Ufer des Sees ist fast nie zu sehen.

Kanadische Kolibris und ein verlorenes Paradies
Ich muss so allerhand Vorurteile über Kanada revidieren: Wer an Kanada denkt, denkt fast automatisch meist an nördliche Gefilde und Kälte. Toronto – mein nächstes großes Ziel – liegt auf dem gleichen Breitengrad wie die italienische Toskana und als ich in einem Café eine Regenpause einlege, schwirrt ein winziger Vogel vor dem Fenster herum! Ein Kolibri! Der Besitzer des Cafés erklärt mir stolz, dass die gleichen Vögel größtenteils in der ersten Maihälfte aus Mexiko zurückkehren. Da die Vögel meist ungeduldig an der Stelle herumschwirren, wo er kleine Nektartröge aufgehängt hat, weiß er, dass es immer dieselben sind.
Weite Teile des Nordufers des größten Süßwassersees der Erde sind vollkommen unbewohnt und naturbelassen. Doch besonders in den USA gibt es an den Südufern große Industrieansammlungen, die mit ihren lange Zeit unbegrenzten Industrieeinleitungen dafür gesorgt haben, dass die Fischbestände stark reduziert wurden. Der Sauerstoffgehalt ist an vielen Stellen aufgrund des erhöhten Algenwachstums dramatisch abgesunken. Holzeinschlag und die damit verbundenen Einleitungen der Sägewerke und der starke Schiffsverkehr zwischen den Seen (mehr als im Suezkanal) sorgen für weitere Probleme, deren Folgen man hier nur langsam zu begreifen scheint oder einfach ignoriert.
Doch im Laufe meiner Reise habe ich oft den Eindruck bekommen, dass viele Kanadier recht unpolitisch und ökologisch desintessiert sind. Wenn das lokale Trinkwasser nicht mehr genießbar ist, kauft man dies halt im Supermarkt; und wenn es im Sommer viel zu warm ist, wird die Klimaanlage noch ein wenig mehr hochgepowert, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welch riesige Energieverschwendung dahinter steht. Selbst an kühlen Tagen läuft die Klimaanlage mit voller Kraft und verwandelt viele Restaurants und Cafés in Kühlschränke.
Die allgemeine Unwissenheit nervt in vielen Bereichen. Selbst in den Touristeninformationen bekomme ich nur vage oder falsche Informationen, selbst wenn ich einfache Fragen nach dem nächsten Laden oder Campingplatz stelle. Kilometerangaben sind meistens unbekannt, wenn dann bekommt man meist nur geschätzte Angaben in Fahrtzeiten...! Aber ich habe in meinen Packtaschen schon in weiser Voraussicht immer Verpflegung für ein oder zwei Extratage dabei. Und natürlich gibt es nichts Besseres, als sich am Ende eines langen Fahrtages mit einer Tafel Schokolade zu belohnen.

Nebel, Wolken und Einsamkeit
Der See ist eine riesige Nebel- und Wolkenmaschine: Die Wolkenbrüche verwandeln binnen Minuten die Straße in eine riesige Seenplatte und morgens kann ich oft kaum 50 Meter gucken und fühle mich wie in einem tropischen Regenwald. Die Einheimischen brettern unbekümmert durch die dicke Suppe, von Auffahrunfällen im Nebel scheint man hier noch nie etwas gehört zu haben. Nur ein paar Meter vor mir kreuzen Rehe die Straße, im Auto hätte man jetzt im besten Fall nur eine „kleine Beule“. Doch die vielen kleinen Holzkreuze deuten darauf hin, dass sich viele überschätzen.
Die kleineren Orte wie Wawa, Marathon oder Schreibers scheinen sich langsam zu entvölkern. Viele Häuser stehen zum Verkauf und so manches Motel ist vernagelt und aufgegeben. In der wirtschaftlichen Rezession haben auch die Sägewerke weniger oder gar nichts zu tun und die letzten größeren Arbeitgeber gehen so verloren.

„Riesenwürstchen“
Als ich am Morgen auf dem Campingplatz in Marathon aufwache, liegt kaum 5 Meter von meinem Zelt ein großer Kothaufen. Der Camp Warden erklärt mir grinsend: „Das ist Bärenscheiße, aber keine Sorge, der tut Dir nix“... Gut, dass ich die Vorrats-Taschen wie immer im Waschraum verstaut habe. Auf einem der nächsten Plätze sehe ich, wie ein Schwarzbär morgens seelenruhig über den Platz tappt und sich in den hier nicht bärensicheren Müllcontainern umschaut. Da der Sommer sehr feucht und kühl war, werden weniger Beeren reif als in normalen Sommern. Der Hunger treibt die Bären dann in die Nähe der Menschen. Wenn sie dort leicht Futter finden, werden sie zu „Müllbären“, die immer wieder aus dem Kreis der Bevölkerung entfernt werden müssen. Ein Koch in einem Restaurant erzählt mir, dass er sich wegen eines großen Schwarzbären nicht mehr weit weg vom Haus traut. „Wenn ich den ganzen Tag nur Würstchen brate, rieche ich wahrscheinlich auch genauso und sehe für einen Bären wie ein riesiges Würstchen aus“. Ich kann mir ein Grinsen bei der Vorstellung eines derartig überdimensionierten Würstchens nicht verkneifen ...
Einer der schönsten Abschnitte ist die Fahrt durch den Lake Superior Provincial Park. Die Straße führt teils direkt am Ufer des Sees entlang. Unendliche Strände wechseln mit felsigen und steilen Abschnitten. Am Ufer finde ich immer wieder kleine Campingplätze, die selbst jetzt in der Hochsaison kaum gefüllt sind. Das regnerische Sommerwetter und die wirtschaftliche Rezession lassen die Leute zu Hause bleiben.

Zurück in die Zivilisation
In Richtung Sault Ste Marie wird der Verkehr stärker. Der Ort ist die erste größere Stadt mit mehr als 3.000 Einwohnern seit mehr als 720 Kilometern. Der erste größere Supermarkt versetzt mich fast in einen kleinen Kaufrausch: Nach über 2 Wochen in Nord Ontarios Wildnis mit kleinen Läden und sehr eingeschränkter Auswahl an frischen Waren setzt bei mir der „KAUF-MICH-REFLEX“ ein und schnell ist der Korb voll mit frischen Sachen, die ich eigentlich gar nicht unbedingt brauche, aber lange Zeit vermisst habe. Trotzdem bin ich froh, die Stadt schnell wieder verlassen zu können.

Begegnungen
Irgendwann begegne ich unterwegs einer Gruppe von mehr als 20 Radfahrern, die Kanada mit einer geführten Tour durchqueren. Das Gepäck wird bequem im Begleitbus transportiert und einige der teuren Räder wiegen kaum die Hälfte meines „Treckers“. Sie können es kaum begreifen, wie jemand mit fast 60 kg (Fahrrad und Gepäck zusammen) die gleiche Strecke fahren kann wie sie. Die Truppe hat allerdings schon fast militärischen Drill: Spätestens um 7.30 Uhr ist Abfahrt! Es freut mich, dass ich mit einigen nicht nur mithalten kann, sondern sie sogar überhole ...
Die nächsten Etappen werden mich entlang verschiedener Seen und weiter nach Toronto führen. Die Landschaft ändert sich langsam, die Wildnis scheint hinter mir zu liegen. Felder und große Farmen bestimmen das Bild.




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