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Galerie: 3. Eintrag, 26.06.09
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Unterwegs im Bärenland oder warum Bären Trillerpfeifen mögen
Bald hinter dem Bonanza Pass gelange ich in das kleine Städtchen Nelson, das mir nach längerer Zeit mal wieder einen guten Anlass gibt, einen Ruhetag einzulegen. Die Einwohner sind stolz auf ihre „Heritage-Gebäude“ und auf das bunte Leben mit zahlreichen Cafes und Pubs, die durch viele Studenten einen farbenfrohen und lebendigen Touch hat. Die Einwohner sind stolz auf ihre Gebäude aus der „Gründerzeit“. Doch man muss die Geschichte Kanadas mit anderen Augen sehen, denn vor grade mal 120 Jahren war an dieser Stelle nicht mehr als Wald und vielleicht die einsame Hütte eines Trappers. Kanada ist ein junges Land, Gebäude, die älter als 150 Jahre sind, gibt es kaum.
Wald, Wasser und Weite
Die nächsten Etappen führen mich am langegezogengen Kootenay Lake entlang. Nichts als Wald, Wasser und ab zu an ein paar Häuser in der Einsamkeit. Das kleine Städtchen Keslo sieht noch Heute aus wie ein Bilderbuch-Ort aus einem Western. Nur dass die Cowboys anstatt der Vierbeiner ihre vierrädrigen Pickup-Trucks am Straßenrand festmachen.
Am Abend gelange ich zu einem traumhaft gelegenen Campingplatz direkt an einem See, der eingerahmt wird von hohen Bergen. Als die ältere Dame, die den Platz im Sommer mit ihrem Mann betreut, mein vollgepacktes Rad sieht und mich nach dem „Wohin und Woher“ gefragt hat, verzichtet sie großzügigerweise auf ein Übernachtungsentgelt. Allerdings bittet sie mich noch vorher meinen Namen aufzuschreiben. Auf meine Nachfrage nach dem Grund, entgegnet sie mir: „Naja, nur für den Fall, dass heute Nacht mit dir etwas passiert“. Das bringt meine grauen Zellen in Bewegung und ich frage vorsichtig nach: „Ähm, gibt’s den Bären hier oder vielleicht Berglöwen“? „Ja, einen Müll-Bären, aber den haben wir schon die letzten 3 Tage nicht mehr gesehen.“ Für den Fall, dass sich der Camp-Bär in dieser Nacht zu einem Besuch entschließt, hänge ich meine Packtaschen besonders hoch in einem Baum auf.
Als ich am nächsten Tag irgendwann an einem langem Anstieg unter dem einzigen schattenspendenden Baum weit und breit stoppe, fühle ich mich irgendwie beobachtet. Doch ich sehe erst mal niemanden und erst als ich neben mich schaue, sehe ich einen Schwarzbären, der kaum 5 Meter entfernt von mir entspannt im Schatten im Gras sitzt und mich neugierig begutachtet. Er macht keinerlei Anstalten sein genüssliches Kauen zu unterbrechen (was mich doch etwas beruhigt...) und auf meine Trillerpfeife reagiert er überhaupt nicht. Ein Ranger erzählt mir später übrigens, dass meine Trillerpfeife wohl teils der Tonlage eines pfeifenden „ground Squirrels“ (eine Art Eichhörnchen) ähnlich klingen würde. Diese possierlichen Tiere wiederum sind ein „Lieblingssnack“ vieler Bären... Vielleicht hat sich der Bär auch nur gewundert über die erstaunliche Größe des Eichhörnchens... :)
Die große Einsamkeit
Die Auffahrt von Revelstoke zum Rogers Pass zieht sich endlos den Berg hinauf. Bei fast 30 Grad muss ich gut 25 km immer nur bergauf fahren. Da ich keine andere Möglichkeit habe, muss ich zumindest einige Strecken auf dem teilweise stark befahrenen Trans Canada Highway Nr. 1 zurückzulegen. Auch wenn der Highway meist einen breiten Seitenstreifen hat und die meisten Trucks mit sehr viel Abstand überholen, habe ich manchmal fast das Gefühl auf einer Autobahn durch die Wildnis unterwegs zu sein. Ca. 150 km liegen zwischen Revelstoke und Golden, abgesehen von den letzten 20 km kann man die Häuser entlang der Strasse an beiden Händen abzählen. Richtig brenzlig wird für mich die Durchquerung der zahlreichen Schneetunnel: In den teils sehr engen Tunneln fehlt der Seitenstreifen fast vollständig. Wenn sich hier zwei der übergroßen Trucks begegnen und ich mittendrin stecke, dann wird es sehr eng... So schaue ich vor jeder Einfahrt, ob hinter mir Trucks zu sehen sind. Doch die dramatische Kulisse des „Glacier National Park“ entschädigt mich für die Strapaze. Fast 1000 Meter senkrechte Wände erheben sich direkt neben der Straße, hinter jeder Kurve wartet in der Ferne ein neuer schneebedeckter Berggigant. Dimensionen, die ich mit Worten eigentlich kaum beschreiben kann.
Rendevouz der unerwünschten Art
Erst spät gegen 18.00 Uhr erreiche ich die über 1.600 Meter hohe Passhöhe; immerhin gibt es hier eine Tankstelle und ein nobles Hotel, vor dem ungeduldige japanische Bustouristen ihre Samsonite-Koffer über den Asphalt schieben und mich anschauen, als wäre ich von einem anderem Stern. Ich muss mich beeilen, da die offiziellen Campingmöglichkeiten wegen des Schnees noch geschlossen sind. Links und rechts ansonsten nichts als Wald und steile Abhänge. Ich baue mein Zelt schließlich auf einem Parkplatz neben der Strasse auf. Als ich endlich alles aufgebaut und eingeräumt habe, stoppt ein Auto der Nationalparkverwaltung und eine nette Dame klärt mich darüber auf, dass mein Platz eher schlecht gewählt sei. Auf meine Frage nach dem „Warum“ entgegnet sie mir grinsend: „Hier bist Du vielleicht so etwas wie Essen auf Rädern, wir haben erst vor ein paar Tagen eine Grizzlybärin mit Jungen hier gesehen. Du bist grade auf ihrem „Spielplatz... “ Ich habe mein Zelt noch nie so schnell wieder abgebaut und rolle fast im Dunklen weiter talwärts. Doch weit und breit kein Platz zum Zelten. Kurz nachdem ein kleines Schild an der Strasse vermerkt, dass man die erste Zeitzone durchquert hat, nach einer Mammutetappe von 130 km taucht vor mir mitten in der Einsamkeit die „Heide-Lodge“ auf. Für umgerechnet 60,- Euro bekomme ich nach 2 Wochen ein weiches Bett und als Krönung des Tages sogar eine Badewanne, in die ich mitsamt dem letzten extra mitgeschleppten Bier steige. Oh what a day...!
Hit the road again
Bald danach erreiche ich am nächsten Tag den Ort Golden. Die Packtaschen werden gut gefüllt und schon geht es zurück in die „Einsamkeit“. Doch zunächst wartet eine der übelsten Passagen der gesamten Strecke auf mich. Auf den ersten knapp 20 km führt der Highway Nr. 1 durch einen spektakulären und engen Canyon. Die Strasse wurde teils in den Fels gesprengt und da immer wieder Baustellen entlang der Strecke sind, habe ich keinen Seitenstreifen und muss einige Male die Luft tief anhalten, wenn mich die Riesentrucks so eng überholen, dass kaum eine Armlänge dazwischen passt. Ein kleiner Schlenker nach Links oder einmal vom Luftsog der vorbeifahrenden LKWs weggedrückt werden und man ist nur noch ein Kreuz neben der Strasse. Bald öffnet sich die Landschaft und die hohen Berge des Yoho Nationalparks liegen vor mir. Ein schöner Abstecher, führt mich am nächsten Morgen zu dem türkisgrünen Emerald Lake, der eingebettet zwischen hohen Bergen eine Postkartenkulisse pur bietet. Ich habe Glück, für ein paar Momente verziehen sich die Wolken und bieten mir ein traumhaftes Panorama.
Zugmonster
Ein paar Kilometer hinter dem winzigen Dorf Field musste man Tunnel in den Berg sprengen, damit der Steigungsgradient für die langen Güterzüge geringer wurde. Früher rauschten hier bei einem Gradienten von über 4,5 % Züge oft unkontrolliert zu Tal und es kam zu zahlreichen Kollisionen. Heute wurde die Steigung durch die Spiraltunnel halbiert. Hier kann man einer Stelle sehen, wie der Anfang des Zuges aus dem Tunnel lugt, während das Ende des Zuges viel weiter unten einige Ebenen darunter erst in den Tunnel einfährt. Kein Wunder, in Anbetracht der Länge der Züge: Ich zähle während einer Regenpause mehr als 120 Wagons. Heute werden hauptsächlich Güter transportiert. Wer genug Zeit und Geld hat, kann mindestens dreimal wöchentlich mit einem Zug ganz Canada durchqueren.
Die nächste Provinz
Auf der Abfahrt vom Kicking Horse Pass nach Lake Louise überquere ich auch die Grenze hinein in die Provinz Alberta. Und jetzt sitze ich grade hier in einem kleinem Unterstand auf dem Campingplatz von Lake Louise und schaue den Regentropfen hinterher. Kaum jemand ist auf dem riesigen Platz zu sehen. Dieser ist übrigens von einem elektrischen Zaun umgeben. Damit die Menschen die Grizzlies, nicht stören, sagt mir die Dame am Eingang noch augenzwinkernd.
Doch für mich ist eher interessant, wann der Regen wieder aufhört. Die Temperatur liegt grade noch bei 10 Grad, das erste Mal seit vier Wochen trage ich eine lange Hose. Aber schließlich führt der vor mir liegende „Icefields Parkway“, der von vielen als die Traumstrasse Nordamerikas bezeichnet wird, auf mehr als 2200 Meter hinauf. Wie es weitergeht mit der „Traumtour“, können sie in spätestens 2 Wochen wieder hier lesen, jedenfalls sofern mich kein Grizzly auf dem Speisezettel hatte... Ihr Reinhard Pantke
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