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Galerie: 4. Eintrag, 08.07.09
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Der Icefields Parkway: Nordamerikas Traumstraße Nr. 1
Die ca. 230 Kilometer lange Strecke, die zwischen Lake Louise im Süden und Jasper im Norden liegt, wird von vielen als eine der schönsten Panoramastraßen Nordamerikas bezeichnet. Tatsächlich hat man wohl nirgendwo eine so konzentrierte Aneinanderreihung von dramatischen Berggipfeln, riesigen Gletschern und märchenhaften Bergseen wie entlang dieser vergleichsweise kurzen Traumstraße. Doch von der relativen Einsamkeit, die ich in anderen Teilen Westkanadas gefunden habe, muss ich mich hier teils verabschieden. Einige der Parkplätze an den Gletschern oder Seen, erinnern eher an Parkräume für Großveranstaltungen. Aber da ich nicht mitten in der Hochsaison unterwegs bin, halten sich die Besucherströme noch in Grenzen. Wer allerdings von Ende Juni bis Mitte August unterwegs ist, muss sich manchmal schon am frühen Nachmittag um einen Stellplatz auf den Zeltplätzen bemühen. Trotzdem finde ich immer wieder schöne Wanderwege und Plätze, an denen ich fast allein bin.
Aber erstmal hocke ich fröstelnd auf dem riesigen, fast leeren Campingplatz in Lake Louise und ziehe das erste Mal seit vier Wochen eine lange Hose an. Das Thermometer zeigt bei hartnäckigem Nieselregen grade mal 10 Grad an. Vier Tage zuvor schwitzte ich noch bei 30 Grad. Das Wetter in den Bergen ist wechselhaft, Lake Louise liegt immerhin mehr als 1.500 m über Meereshöhe und eine Woche zuvor hat es hier sogar noch ausgiebig geschneit. Der Platz für die Zelter ist komplett von einem elektrischen Zaun umgeben, der die Grizzlybären vor dem Eindringen abhalten soll oder wie ein Ranger grinsend sagt „der die Bären vor den Menschen beschützt“. Die Grizzlies durchstreifen das Tal, in dem der Ort Lake Louise liegt. Tatsächlich sehe ich am Abend wie ein Grizzly von einigen Rangern mit Gummigeschossen aus der Umgebung des Zeltplatzes vertrieben wird. Außerdem gibt es hier wie auf vielen Plätzen die Möglichkeit Verpflegung in stabilen Containern zu verwahren. Davon mache ich stets dankend Gebrauch ...
Wer Essbares auf seinem Platz unbeaufsichtigt liegen lässt, kann von Rangern einen Platzverweis bekommen, da er nicht nur sein Leben, sondern auch das der anderen Camper und der Tiere aufs Spiel setzt. Überall weisen Warnschilder auf den Wanderwegen darauf hin, dass man vielleicht einem Grizzlybären begegnen könnte. Kein Wunder, der Ort selbst, hat nur eine eine handvoll kontinuierlicher Einwohner. Die meisten sind Saisonkräfte, die in den Hotels, Lodges und Restaurants im Sommer und Winter arbeiten. Das Ortszentrum besteht mehr oder weniger nur aus einem kleinem Einkaufszentrum. Am nächsten Tage mache ich einen Tagesausflug ohne Gepäck zum Lake Moraine und zum gleichnamigem Lake Louise. Beide liegen wesentlich höher als der Ort und werden eingerahmt von spektakulären Berggipfeln und Gletschern. Der Moraine Lake fasziniert mich durch seine türkise Farbe, die durch die Sedimente der Gletscherflüsse entstehen. Der Wasserstand des Sees ist jetzt im Juni allerdings sehr niedrig.
Lake Louise mit dem direkt darüber thronenden Hotel ist wohl eines der bekanntesten Postkartenmotive Kanadas. Das mehrstöckige wuchtige Hotel thront wie eine nationale Institution über dem See; entsprechend sind auch die Preise gestaltet. Die Ausmaße des Besucherparkplatzes sind ebenso gigantisch: Ich zähle neben 60 großen Bussen, mehrere Hundert Wohnmobile und PKWs und trete schnell die „Flucht" an.
Nordwärts nach Jasper
Bald erreiche ich am nächsten Morgen das Eingangstor zum Banff Nationalpark. Normalerweise muss hier jeder ein Tagesentgelt für die Benutzung der Einrichtungen im Nationalpark entrichten. Doch der Ranger in der Kontrollbude winkt mich mit einem Lächeln und nach oben gestrecktem Daumen einfach nur durch. Wahrscheinlich sind ihm Radfahrer, die die Strecke aus eigener Kraft bewältigen, wesentlich lieber als die Insassen der großen „Rvs“ (Wohnmobile), die nur selten mal aus ihren fahrbaren Festungen aussteigen.
Die Straße führt kaum merklich, aber stetig immer weiter bergauf. In der Ferne tauchen die ersten Schnee bedeckten Berge und Eisfelder auf. Doch das Wetter meint es nicht gut mit mir: Hartnäckiger Regen verwandelt sich in Hagel und durchnässt mich bis auf die Haut. Ich bin dankbar für eine Kaffeepause in einer rustikalen Lodge am Wegesrand. Das riesige Blockhaus, das direkt an einem See liegt, ist vor über 90 Jahren einem Trapper und Fallensteller erbaut worden und fast original erhalten geblieben. Man erzählt mir, dass der Bergsee daneben bis Mitte Mai komplett vom Eis bedeckt war, und dass das letzte Eis erst vor ein paar Tagen verschwunden ist. Heute dient das Blockhaus als romantische Übernachtungsherberge für wohlbetuchte Touristen, die dafür einige hunderte Dollar pro Nacht hinblättern. Irgendwann erreiche ich den Abzweig zum Aussichtspunkt über den Lake Peyto. Gleich in doppelter Hinsicht bleibt mir die Luft weg: Die letzten Meter führen steil zum höchsten Punkt des Icefield Parkway hinauf, der auf mehr als 2.100 m liegt! Die Aussicht von oben ist atemberaubend: Tief unter mir liegt der wunderbare türkis-grüne Lake Peyto, in ihm spiegeln sich die dramatischen Berge. Die Fernsicht reicht weit das Tal hinunter, durch das ich danach mehr als 20 km nur bergab rausche ...
Bären
Endlich erreiche ich Saskatchewan River Crossing, wenig mehr als eine Straßenkreuzung mit Servicestation, Tankstelle, Kneipe und Cafeteria. Nach einer etwas ausgedehnten Pause im Pub, mache ich mich auf dem Weg zum nicht mehr weit entfernten nächstem Wildnis-Campingplatz. Es dämmert schon fast und auf der Straße ist nicht mehr viel los. Dafür trauen sich die Bären wohl auch herraus. Als ich ein paar Meter an einem Bach entlangegehe, um mich des etwas zu großzügig konsumierten Bieres zu entledigen, sehe ich etwas zu spät mit Schrecken wie mich dabei eine Bärenmama mit zwei Jungen von der anderen Seite des Baches aus beobachtet. Die Bären sind grade mal knapp 10 m von mir entfernt auf der anderen Seite des Baches und schauen mir interessiert, aber entspannt, bei meiner Pause zu. Die Bärenmama scheint glücklicherweise eine hohe Toleranzgrenze gegenüber blasenschwachen Fahrradtouristen zu haben. Als ich ein paar hundert Meter vor dem offiziell noch geschlossenem Campingplatz einen großen Schwarzbären sehe, der ziemlich flink einen grossen Baum hochklettert, beschließe ich den offiziell noch geschlossenen Zeltplatz zu meiden und die direkt daneben gelegene Jugendherberge anzusteuern. Die Jugendherberge ist ein rustikales Wildnis-Hotel mit Plumpsklo, weichen (aber für mich viel zu kurzen) Betten und Waschgelegenheiten am nur ein paar Meter entfernten Bach. Wer will, kann von der holzbefeuerten Sauna direkt in den kalten Bach springen. Aber dafür bin ich nach über 110 km und einem 2.000 m hohen Pass viel zu fertig. Die langsame Tagesetappe quittiert mein Körper mit ausgiebigen Wadenkrämpfen, ich bin froh, dass ich mich an diesem Abend nicht in meinem Schlafsack und ins Zelt quetschen muss.
Am nächsten Tag liegt der zweite Pass vor mir, der ebenfalls über 2.000 Meter hoch ist. Die Steigung zieht sich scheinbar endlos und ich habe ausnahmsweise mal starken Gegenwind, der mich zur Schnecke degradiert und vollkommen auskühlt. Zudem steckt mir die gestrige Etappe noch in den Knochen und ich muss, da ich ziemlich unterzuckert bin, immer wieder am Straßenrand kurze Pausen einlegen. Vorbei an steinigen Geröllhalden und Wasserfällen, windet sich die Straße mehr als 900 Höhenmeter bergauf. Doch irgendwann habe ich es geschafft und der ca. 2.100 m hohe Sunwapta Pass liegt hinter mir.
Colombia Icefields
Oben öffnet sich der Blick über die Colombia Icefields und die gewaltigen Eiszungen. Wie in einem riesigen Amphitheater liegen die Gletscherzungen vor mir. Hierher und auch auf die Eisflächen werden diverse Bustouren vom Besucherzentrum aus angeboten. Die dortige Ausstellung verliert jedoch kein Wort über die schrumpfenden Eismassen. Als ich direkt bei einem der Nationalparkranger nachfrage, sagt man mir erstmal, dass die Ausstellung schon 15 Jahre alt sei und die Ranger einfach keine Zeit haben, das Abschmelzen fotografisch zu dokumentieren. Zudem wäre es nicht ihre Aufgabe. Als ich nochmal nachfrage, holt einer der beiden unter dem Tisch eine Skizze hervor, die deutlich zeigt wie sehr sich das Abschmelzen in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat. Aber, diese simple Einsicht scheint nicht unbedingt willkommen zu sein. Man sei als Nationalparkverwaltung nicht befugt eine politische Diskussion darüber anzustoßen, welche Ursachen das Abschmelzen habe. Ich fühle mich etwas an die Politik von George W. Bush erinnert, der lange Zeit abstritt, dass es so etwas wie eine globale Erwärmung überhaupt gibt. Klar, warum nicht? Früher glaubten viele Leute lange Zeit, dass die Erde eine Scheibe und Mittelpunkt des Universums sei ...
Doch ich will weiter und die Zeit nutzen. Das Licht ist atemberaubend schön, so dass es mich auch an diesem Tag einfach immer weiter zieht. Es gibt Tage, an denen will ich immer weiter, ohne, dass es mich sonderlich interessiert, ob ich richtig kaputt bin oder nicht. Erst kurz nach Sonnenuntergang erreiche ich nach weiteren 130 km den Campingplatz von Jasper.
„Autoverrückte“
Der Platz hat mehr als 800 Stellplätze und ist riesig ausgedehnt, trotzdem hat hier jeder seinen privaten Lagerplatz mit Picknickbank und Feuerstelle ... Viele der Wohnmobile auf dem Campingplatz sind gigantisch. Manchmal, wenn ich denke, dass mich ein öffentlicher Bus überholt, ist es bei näherem Hinsehen doch nur ein riesiges Wohnmobil in dem 2 Rentner sitzen, die eine Wohnfläche in ihrem RV haben, die größer als meine Wohnung ist. Da diese Erholungsmonster so riesig sind und in vielen Städten keinen Parkplatz finden, ziehen viele noch ein extra Auto oder einen Anhänger mit Motorrädern hinter sich. Einer, der mich passiert, hat sogar einen Helikopter mit zusammengefalteten Flügeln geladen. Einer der Wohnburgenbesitzer schimpft über die mittlerweile „unglaublich hohen“ Spritpreise von umgerechnet ca. 65 Cent pro Liter! Er erzählt mir, dass sein Wohnmobil bei sparsamer Fahrweise „nur“ 35 Liter auf 100 Kilometer braucht... Nordamerikaner sind nicht nur vom Auto abhängig, sondern auch „autoverrückt“! Einige fahren sogar auf dem Campingplatz mit Ihren Wohnmobilen zum Duschen, um nicht etwa 200 m zu Fuß gehen zu müssen. Aber wahrscheinlich bin ich in ihren Augen der „Verrückte“; oft werde ich nach dem „Wohin und Woher“ gefragt und sehe, dass meine Antwort mit ungläubigem Staunen quittiert wird ... Viele meinen, dass die Deutschen ja immer ein bisschen „crazy“ seien.
INDIANER!
Es ist der 21. Juni, der kanadische „Vatertag“ und gleichzeitig ein Feiertag für die kanadischen Ureinwohner. Vor der Touristeninformation haben einige Mitglieder der Sioux-Indianer einige Zelte aufgebaut und führen in traditioneller Stammestracht und Bemalung uralte Tänze auf. Zwei besonders grimmig dreinschauende Gesellen posieren gekonnt mit alten Steinflinten und stolzgeschwellter Brust für Bilder. Eine typische amerikanische Touristin (à la Schwabbelshorts, grelles Hawaiihemd und viel zu laut ...) fragt die beiden, von welchem Stamm sie seien. Mit der Antwort „Sioux“ kann sie jedoch nicht anfangen als die beiden anmerken, dass die Dame von ihrer eigenen Heimatgeschichte keinen blassen Schimmer hat, sagt er ganz leise mit zufriedenem Grinsen: „Weißt du, wir waren diejenigen, die General Custer so richtig in den Hintern getreten haben.“ Aber der Blick der Dame deutet darauf hin, dass sie General Custer für eine amerikanische Fast-Food-Kette oder Ähnliches hält ... Jasper ist eine nette Kleinstadt mit vielen Läden und Restaurants und Kneipen. Ein Ruhetag vergeht nur mit einem kurzen Trip zum Maligne Lake.
Die Weiten der Prärie warten
Von Jasper weht mich der Westwind mit mehr als 30 km nach Osten. Die Landschaft wird trockener und karger. Weite Teile der Wälder sind tot, teils verbrannt, teils aber auch durch die Borkenkäferplage schwer beschädigt, die im Westen Kanadas in den 90er Jahren ihren Anfang nahm. Nur 80 km hinter Jasper lasse ich die hohen Berge hinter mir und erreiche das leicht wellige und hier noch stark bewaldete Terrain der ostwärts folgenden Ebenen. Der Yellowhead Highway wird hier vierspurig und gleicht einer wenig befahrenen, deutschen Autobahn mit Geschwindigkeitsbegrenzung, die sich als endlose Grade ostwärts frisst. Der Seitenstreifen ist breit, trotzdem fühle ich mich etwas verloren auf der Straße. Da die Alternativen zu dem Highway meist aus tiefen Schotterstraßen bestehen, beschließe ich soviel wie möglich am Tag zu fahren und die endlosen Weiten der Gras- und Weidelandschaften anzugehen, die jetzt vor mir liegen. Aber das ist eine andere Geschichte, die Sie in 2 Wochen lesen werden.
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