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Galerie: 5. Eintrag, 22.07.09
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Endlose Weiten ...
Das Raumschiff Pantke mit seiner ein Mann starken Besatzung durchzieht die unendlichen Weiten Kanadas und stößt dabei in Orte vor, die vermutlich noch nie ein Fahrradfahrer zuvor gesehen hat. So ähnlich fühle ich mich manchmal, wenn ich in die Weiten der kanadischen Prärie gelange. Ich habe die Rocky Mountains hinter mir gelassen und habe nun die bewaldeten Hügel und die endlosen Gras- und Farmlandschaften vor mir, die ungefähr zwischen den Rocky Mountains und Winnipeg im Osten von Manitoba liegen. Die Landschaft hat sich radikal geändert: Die Unterschiede zwischen den dramatischen Rockys und den nur leicht hügeligen, bewaldeten und etwas monotonen Landschaften östlich davon könnten kaum größer sein. Nach gut 300 km durch Wald erreiche ich die erste Großstadt seit langer Zeit: Edmonton.
Edmonton
Der gute alte Satz, dass man in der gleichen Straße wohnt, bedeutet hier nicht so viel: Edmonton ist riesig ausgedehnt. Die Straßen haben Nummern und bei einigen Straßen sehe ich Hausnummern, die jenseits der Nummer 40.000 sind (man stelle sich vor, man wohnt in Haus Nr. 1 und will mal seinen Nachbarn am Ende der Straße besuchen!). Es wundert mich nicht, dass die Stadt das größte Einkaufszentrum der Welt hat. Im eigentlichen Stadtzentrum sieht man im Schatten der riesigen Wolkenkratzer ab dem späten Nachmittag kaum noch jemanden. Mit dem Fahrrad fahren hier nur ein paar „arme Studenten“. Ein Kellner erzählt grinsend: „Bevor die Leute hier merken, dass es Sommer ist, fallen die Blätter auch schon wieder ab“. Die Stadt ist weit ausgedehnt und aufgrund des Erdölreichtums eine der reichsten Provinzen Kanadas. Auch das Klima ist extrem: Ab Mitte September kann der erste Schnee fallen, erst Ende April bricht das Eis des Flusses. Im Winter gibt es hier oft Temperaturen von minus 30 bis minus 40 Grad! Über gut 4 Monate des Jahres verwandelt man viele gefrorene Flüsse in einigen Provinzen in regelrechte Eisstraßen, auf denen sogar LKW fahren! Ich gehe in den größten Karten- und Buchladen der Stadt und versuche einen Reiseführer für die kommenden Wochen zu kaufen: Es gibt einfach keinen Reiseführer, der sich mit dem Inneren Kanadas eingehend beschäftigt! Die meisten scheinen das riesige Mittelstück Kanadas, das zwischen den spektakulären Landschaften im Westen und der Ostküste und den großen Seen liegt, nur als Transit-Land zu verstehen.
Weiter ostwärts
Ich bin froh weiter zu biken. Doch Edmonton zu verlassen, ist mit dem Rad nicht einfach: Mehrfach finde ich mich auf einem sechsspurigen Highway wieder. Offiziell ist es wohl nicht verboten dort zu radeln, aber viele Autofahrer deuten mir wild hupend an, dass ich mich schnell in Luft auslösen soll! Endlich finde ich eine zweispurige Straße, die zumindest zeitweise parallel zum Yellowhead Highway ostwärts führt. Doch der Belag verwandelt sich bald in tiefen Schotterbelag, der das Fahren selbst mit meinen breiten Mountainbike-Reifen in einen mühseligen Kraftakt verwandelt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf dem recht monotonen vierspurigen Yellowhead Highway zu fahren, der von vielen Trucks und Wohnwagen befahren wird. Über viele Kilometer sieht man die Straße in der Ferne.
Freundlichkeit, Menschen, Pannen und Begegnungen der anderen Art
Viele der kleinen Dörfer sehen so aus wie vergessene Kulissen aus alten Italo-Western (zumindest, wenn man sich die Autos wegdenkt). In der Main Street gibt einen kleinen Laden, eine Post, eine Bank und den üblichen Imbiss. Oft wird alles überragt von einem windschiefen Wasserturm. Keiner dieser Orte ist wesentlich älter als 100 oder 120 Jahre, bis weit ins 19. Jahrhundert gab es hier zumeist nur einige Handelsposten und Forts, die in der Wildnis lagen. Doch dann kam die Eisenbahn und mit ihr die Siedler aus allen Ländern Europas, die die Hoffnung auf ein besseres Leben und ein eigenes Stück Land immer weiter nach Westen trieb.
Da die Tage auf dem Rad meist etwas einsam sind und ich – mal abgesehen von den vorbeiziehenden Autos – kaum eine Menschenseele sehe, nutze ich jede mögliche Gelegenheit mal Menschen zu treffen. Insbesondere die Dorfkneipen bieten dazu gute Gelegenheit. Meist mahnen Schilder den örtlichen „Trinktempel“ nicht mit dreckigen oder öligen Gummistiefeln zu betreten. Eigentlich fehlt nur das Schild: „Ja, hier wird beides gespielt: Country- und Western-Musik“ (wer den Film „Blues Brothers“ kennt, weiß was ich meine). Einer der Farmer guckt mich mit heruntergeklappter Kauleiste und großen Augen an, als ich ihm erzähle, dass ich Kanada von Westen nach Osten mit dem Fahrrad durchquere. Ich bin mir erst nicht sicher, ob er die Idee wirklich so gut findet oder ob er mich für so arm hält, dass ich mit dem Fahrrad fahren muss! Auf jeden Fall drückt er mir einfach so 50 Dollar in die Hand. Allerdings ist es wohl eher die allgegenwärtige Freundlichkeit der Menschen! Ganz selbstverständlich bietet er mir auch noch an, dass ich ein paar Tage später bei seinen Verwandten übernachten könnte, die in einem der nächsten Orte entlang der Strecke wohnen.
Am nächsten Tag ereilt mich die erste richtige Panne: Ich verliere eine „Schraube“, die die Tret-Kurbel an der Achse hält. Da ich das Gewinde nicht vollkommen ruinieren will, schiebe ich bis in den nächsten Ort, der glücklicherweise nur noch acht Kilometer entfernt ist. Da der Campingplatz etliche Kilometer abseits des Ortes liegt, verbringe ich die Nacht in einem günstigen Motel. Schon am Abend fallen mir einige junge US-Amerikaner auf, die den ganzen Abend aufgeregt diskutierend mit ihren Laptops über den Hof rennen. Als ich am nächsten Morgen meine Sachen aufpacke, verlässt ein Großteil das Motel fluchtartig. Fünf Minuten später rasen mehrere Polizeiwagen auf den Hof und geben mir das Gefühl in einer schlechten US-Serie zu sein: Ein Teil der jungen Männer kriegt Handschellen und wird abgeführt, nachdem die Türen eingetreten wurden. Der Motelbetreiber erzählt mir, dass die Jungs wohl zu einer Bande gehörten, die an zu vertrauensvolle alte Leute dubiose Sicherheitssysteme verkauften. Der Motelbesitzer fährt mich nicht mit seinem Pickup zum nächsten Radladen, sondern bietet mir eine zweite Übernachtung im Motel sogar gratis an, als er hört, dass ich mit dem Fahrrad durch Kanada fahre! Diesen Luxus nehme ich dankend an!
Weiter geht es ...
Bei manchen Strecken will ich einfach nicht nach vorn schauen, da man die Straße als lange Gerade in der Unendlichkeit verschwinden sieht. Die längste Gerade, die ich mit meinem Tacho messe ist 31 km lang. Ein Farmer sagt mir grinsend: „Weißt du, hier ist es so flach, dass Du einen Hund, der Dir wegläuft noch die nächsten drei Tage auf der Straße siehst ...“ (Anm.: in Norddeutschland kenne ich die gleiche Version mit der Schwiegermutter, wie ähnlich sich die Kulturen doch sind:)
Doch ich habe meist Glück: Der Wind kommt meist aus Westen oder Nordwesten und ich fliege oft mit einem stündlichen Kilometerdurchschnitt von über 25 km über die Ebene und radle mit Leichtigkeit täglich mehr als 100 km. Irgendwann treffe ich einen Amerikaner, der seine Radtour in New York begonnen hat. Für den armen Kerl bedeutete das: 3.000 km gegen den Wind zu kämpfen, teils mit durchschnittlich nur 10 bis 12 Stundenkilometern! Nach 2.000 km hat er aufgegeben, sich einfach nur noch an den Straßenrand gestellt und ist getrampt ... ! 3.000 km würden in Europa ungefähr der Strecke vom Nordkap nach Italien entsprechen.
Die große Weite
Ich gelange nach Saskatchewan, einer auch für kanadische Verhältnisse dünn besiedelten Provinz, die mehr als anderthalb Mal so groß ist wie Deutschland und grade mal ca. 1 Mio. Einwohner hat! Die offizielle Bevölkerungsdichte von 1,6 Menschen auf den Quadratkilometer trügt, denn fast die Hälfte der Menschen lebt in den beiden größten Städten Regina und Saskatoon. Die Entfernungen sind riesig, selbst zwischen kleinen Dörfern liegen hier meist mindestens 50 bis 80 km! Ich bin weitestgehend auf mich allein gestellt, ein Handy funktioniert hier meist nicht und abgesehen von ein oder zwei Greyhound-Bussen gibt es im Falle einer wirklich üblen Panne keine Transport-Alternative. Meistens teile ich die Gesamt-Etappen im Kopf in kleinere „Häppchen“ ein, um nicht den Mut zu verlieren angesichts der riesigen Distanzen. Die Landschaft ändert sich nur langsam und ist teilweise ziemlich monoton. Viele der Felder und Wiesen sind heute verziert mit zahllosen Pumpen, die das schwarze Gold aus der Erde pumpen. Einige der kleineren Dörfer boomen regelrecht, da die Erdölarbeiter natürlich auch irgendwo wohnen müssen.
Gras und Wiesen soweit das Auge reicht, eingerahmt von fantastischen, fast plastischen Wolken. Ab und an ein kleiner See und immer mal wieder ein paar kleine Wäldchen. Irgendwann sehe ich auch zwei junge Elche, die über die pumpengespickten Felder in Richtung des nächsten Waldstücks traben. Als sie mich sehen, bleiben sie wie erstarrt auf der Wiese stehen, was wohl im Wald Teil ihrer Tarnung wäre. Je weiter man nach Norden kommt, desto näher kommt man wieder der so genannten Baumgrenze, dem Bereich, wo das Farmland wieder übergeht in die Unendlichkeit der Wälder. Getreu der Regel: Wenn es keine wirklichen Attraktionen gibt, dann muss man welche schaffen, versuchen viele der kleineren Orte eine Besonderheit zu kreieren: Irgendwo gibt es das größte Osterei der Welt und ein Ort nimmt für sich in Anspruch den besten Kartoffelsalat der Welt zu machen.
Abwechslung: Eine kurze Zugfahrt
Doch dann erfülle ich mir einen kleinen Traum: Ich wollte schon immer mal wenigstens ein kleines Stück mit dem „Canadian“ fahren, einem Langstrecken-Zug, der in fast fünf Tagen gut 4.500 km von Vancouver nach Toronto fährt! Der Zug fährt nur drei Mal in der Woche, aber ich habe Glück und kann an einer kleinen Station entlang der Strecke zusteigen und so 300 km nach Winnipeg mitfahren. Im Zug treffe ich Leute, die innerhalb einer Woche ganz Kanada per Zug durchqueren. In einem kleinen Ort hält der Zug und durch den Lautsprecher kommt die Durchsage: „Ääh, Leute, wir sind etwas schneller als gedacht und bleiben jetzt hier eine Stunde stehen. Der nächste Supermarkt ist übrigens nur 200 m entfernt“. Nach der Durchsage „stürmen“ ca. 300 Leute den kleinen Supermarkt, was die Kassiererin gewaltig ins Schwitzen bringt!
Auch mit den Abfahrtszeiten nimmt man es anscheinend nicht so genau, einige Kilometer hinter dem kleinem Ort hält der Zug auf offener Strecke nochmal und über einen Feldweg kommt ein Wagen herangeprescht, der einen vergessenen Passagier entlässt. Man stelle sich vor, dass ein ICE in Deutschland auf offener Strecke stehenbleibt, um einen einzelnen Passagier aufzunehmen...
Winnipeg in Manitoba
Nur ein paar Stunden später erreiche ich Winnipeg, die Hauptstadt von Manitoba. Zwischen Jasper in den Rocky Mountains und Winnipeg liegen nun mehr als 1.500 km mit dem Fahrrad und ca. 300 km mit der Eisenbahn. Mein Kilometerzähler zeigt schon jetzt mehr als 3.000 km an. Irgendwo hinter Winnipeg steht auf dem HW 1 (den ich wegen des Verkehrs dort nicht fahre) eine kleine Tafel die anzeigt, dass man genau in der Mitte Kanadas angekommen ist. Wie es von Winnipeg aus weitergeht, können Sie in knapp 2 Wochen lesen.
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