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Galerie: 6. Eintrag, 05.08.09
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Wälder und Wasser soweit das Auge reicht: Die Prärie liegt hinter mir!
Die Stadt Winnipeg ist die erste Großstadt seit Edmonton, also seit mehr als 1.500 km. In der Hauptstadt von Manitoba leben mehr als 650.000 Menschen, das sind fast 60% der gesamten Bevölkerung dieser auch für kanadische Verhältnisse dünn besiedelten Provinz. Wie groß Manitoba wirklich ist, sehe ich auch daran, dass Winnipeg der Ausgangspunkt für die 1.700 km lange Zugfahrt nach Churchill an der Hudson-Bay im nördlichen Manitoba ist. Der Zug fährt zu diesem berühmten Eisbären-Beobachtungsplatz im Norden allerdings nur dreimal wöchentlich und zumeist mit großer Verspätung. Die Stadt Winnipeg liegt am Zusammenfluss von Red River und Assiniboine River und war noch vor 140 Jahren kaum mehr als Sumpfland mit einem Fort in der Wildnis. Im Museum der Stadt bestaune ich die alte Indianerkleidung: Das stabile Leder war nach kurzer Zeit so durchlöchert von den Moskito-Stichen, dass man sie binnen eines Sommers auswechseln musste.

Deutsche Wurzeln
In Winnipeg und in der weiteren Umgebung leben noch heute viele Nachfahren deutscher Aussiedler. Ein alter Mann spricht mich man und als er erfährt, dass ich aus Deutschland bin, fährt er fort einige Brocken im schweren Dialekt seiner schlesischen Vorfahren zu erzählen. Am nächsten Tag treffe ich einen Farmer, der zwar kein deutsch mehr spricht, aber wohl auch deutsche Vorfahren hatte: „Mein Name ist Göring, auch ohne ›h‹“, und er fügt grinsend schnell noch an: „Ja, ich weiß, das ist ein sehr deutscher Name, aber mit dem „einen“ haben wir NICHTS zu tun!“ Die Stadt Steinbach (ca. 12.000 Einw.), ca. 70 km von Winnipeg entfernt, wird noch heute bewohnt von 8.000 Deutschen oder deutschstämmigen Einwanderern. Es gibt ganz selbstverständlich z.B. einen deutschen Bäcker und Fleischer, und die aufgeräumten Vorgärten und schmucken Häuschen versprühen das angenehme Flair einer aufgeräumten deutschen Kleinstadt.

Raues Land
Der Wind bläst weiter stark nach Osten. Wenig später geht das Weideland über in dichten Wald. Der „Highway“, den ich mir als Alternative zum stark befahrenen Trans Canada Highway ausgesucht habe, wird zur einsamen und holprigen Waldstraße. Kennen Sie das „Mutter-und-Kind-Spiel“ an der Straße? Mama steht auf der einen Seite der Straße und das Kind auf der anderen. Kind schreit und will anscheinend schnell noch rüberflitzen und Mutter schreit wohl so etwas wie „Pass auf, bleib da!“. Normalerweise halte ich bei so einer Gelegenheit ja brav an, aber hier dreh’ ich richtig auf und schaue erst nach ein paar Hundert Metern zurück und sehe erleichtert, wie sich die Bärenmama und ihr Junges in den Wald trollen ...! Eine heikle Situation, da ich die beiden erst im letzten Augenblick gesehen habe!
Die Landschaft wird wilder und felsiger und ist durchsetzt mit kleinen und großen Seen: Unverkennbar ist, dass ich die Ausläufer des „kanadischen Schildes“ erreicht habe. Diese felsigen Landschaften bestehen aus den ältesten Gesteinen unserer Erde und bestimmen weite Teile Nordamerikas.

Endlich Ontario
Irgendwann erblicke ich das Eingangsschild nach Ontario, einer riesigen Provinz, die fast dreimal so groß ist wie Deutschland und sich auf mehr als 2.000 km von Westen nach Osten ausdehnt. Ein Großteil der knapp 12 Millionen Einwohner lebt im dicht besiedelten Süden der Provinz entlang der Grenze zu den USA. Der Norden ist fast unbewohnt und über weite Strecken unerschlossen. Fast 20% der Fläche sind mit Wasser bedeckt, es gibt über 250.000 Seen, wobei die fünf größten auch zum Gebiet der USA gehören. Mindestens die nächsten drei Wochen werde ich in dieser Provinz unterwegs sein. Ontario empfängt mich zunächst mit einer 30 km langen Baustelle. Der Seitenstreifen fehlt vollkommen oder besteht aus grobem Schotter, auf dem man fast nicht fahren kann. Es ist Sonntag und der Verkehr extrem stark, die Wohnwagen und LKW ziehen gnadenlos dicht an mir vorbei. Einige Male mache ich freiwillig fluchend den „Abgang“ in den tiefen Schotter. Ich bin ziemlich entnervt und sehr erleichtert, als ich die Kleinstadt Kenora erreiche.

Kenora
liegt wunderschön am Lake of the Woods. Der Name „See der Inseln“ wäre wohl noch treffender: Über 14.500 Inseln verteilen sich auf dem 4.500 Quadratkilometer großen See. Kenora und Umgebung sind auch Wohnsitz der Schönen und der Reichen Kanadas und der USA, Schauspieler wie z.B. Goldie Hawn haben hier ihren zeitweisen Wohnsitz. Bei einer Bootstour über den See sehe ich nicht nur viele pitoreske Eilande, die oft mit großen Anwesen verziert sind, sondern auch mehr als ein Dutzend Adler, die ihre Horste auf den kleinen Inseln haben. Insgesamt soll es allein auf diesem See einige Hundert Adler geben.
Eigentlich habe ich meine Sachen schon gepackt und will durchstarten, als ich eine dunkle, schwarze Front sehe, die schnell heranzieht. Aus der geplanten kurzen Kaffeepause werden zwei Tage im hartnäckigen Dauerregen! Fast 100 mm Regen fallen in dieser Zeit und ich bin froh, dass ich in ein Motelzimmer umgezogen bin, da draußen kleine Seenplatten neu entstehen. Zufällig treffe ich im Supermarkt zwei Radler, die ich schon in Winnipeg getroffen hatte. Wir beschließen ein paar Tage zusammen zu radeln. Die beiden sind Studenten aus Edmonton und bislang nur durch die eher gleichförmige Prärie gestrampelt.

Weiter geht es in Gesellschaft
Ca. 500 km liegen zwischen Kenora und Thunder Bay am Lake Superior. 500 km mit nur wenigen Siedlungen, zahllosen Seen, riesigen Wäldern und unberührter Natur. Trotz Nieselregens und 9 Grad (im Juli!) fahren wir los, da es mich einfach nicht mehr länger drinnen hält – schlimmer kann es sowieso kaum kommen. Vorteil des nasskalten Wetters ist, dass die ansonsten sehr zahlreich vertretenen Plagegeister auf dem Boden bleiben: Neben den Mücken, die hier etwas größer ausfallen als in Deutschland, gibt bei Sonne jede Menge kleiner Gewitterfliegen und Schwärme großer Pferdebremsen! Bei Sonne und Windstille hält man es draußen ohne Mückenmittel nicht lange aus. „Kilometerfressen“ ist angesagt, es geht durch endlose Wälder, die aufgelockert werden durch Flüsse und Seen. Die wenigen Orte, die ich zumeist nur in Abständen von 70 bis 100 km erreiche, sind im besten Fall kleine Dörfer mit einem Laden, einigen Restaurants und einem Campingplatz und im schlimmsten Fall entpuppen sie sich ein-, zweimal auch nur als „Zweihaussiedlungen“ mit Tankstelle!
Einer meiner Begleiter hat übrigens nur ein T-Shirt für die gesamte Reise dabei. Als er allerdings eine weibliche „Neueroberung“ macht, beschließt er ehrgeizig, sich ein zweites T-Shirt zu kaufen. Wenigstens werden ihn die Bären bestimmt aus weiter Entfernung gerochen haben und immer einen großen Bogen um ihn machen ... :) Nach einigen anstrengenden Tagen erreiche ich dann die Stadt Thunder Bay. Gelegenheit die Verpflegung aufzufüllen und einige dringend benötigte Ersatzteile fürs Fahrrad zu besorgen.

Thunder Bay am Lake Superior
Das Ruckeln beim Betätigen meiner Vorderradbremse deutet mir hartnäckig immer wieder an, dass meine Felge nicht mehr lange hält. Der Fahrradmechaniker erwähnt fast beiläufig beim Bezahlen der neuen Felge: „Weißt du eigentlich, dass der nächste Fahrradladen 720 km entfernt in Sault Ste. Marie ist?“ Nein, das wusste ich nicht und kaufe noch Kranz und Kette und so wechseln über 250 Dollar (ca. 150 Euro) den Besitzer! Doch abgesehen von diesen normalen Verschleißerscheinungen hat mein Steinkamp-Rad die fast 4.000 km fast pannenfrei durchgehalten. Aber mindestens 2.500 km liegen bis Halifax im Osten Kanadas noch vor mir ...!

Entlang des Lake Superior
Ich kann es hier – am Nordrand des Lake Superior – nicht mehr vermeiden den Trans Canada Highway zu fahren. Es ist zunächst die einzige Straße, die nördlich der drei großen Seen ostwärts führt. Oder wie ein Trucker in einem Café grinsend erzählt: „Das ist erstmal der letzte Highway im Norden von Ontario, der bis zum Nordpol (ca. 5.000 km) ostwärts führt“. Entsprechend stark befahren ist der Highway auch! Solange es einen breiten Seitenstreifen gibt, ist dies unproblematisch, aber wenn ich direkt auf der Straße fahren muss, überholen mich einige der Monstertrucks haarsträubend eng mit nur wenigen Zentimetern Abstand. Einige wenige scheinen der Meinung zu sein, dass Radfahrer nichts auf dem Highway zu suchen haben und unterstreichen dies auch laut hupend.
Endlich habe ich die Gabelung von Highway 17 und HW 11 erreicht: Der südlichere Highway führt die nächsten 600 hügeligen Kilometer am Lake Superior entlang. Ein Großteil der Trucks fährt jedoch auf der nördlichen flachen und somit für mich langweiligeren Variante ostwärts. Während ich das schreibe, liege ich im Bett und kuriere erstmal eine hartnäckige Erkältung aus, die ich mir in den letzten Tagen geholt habe. In ein oder zwei Tagen will ich spätestens wieder „on the road“ sein ... Mal sehen, ob es klappt. Schauen Sie einfach mal wieder vorbei ...




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